„Wie jetzt, ausgerechnet ICH soll das machen?! Hoffentlich merken die nicht, dass ich das eigentlich gar nicht wirklich kann. Ich weiß einfach zu wenig darüber. Eigentlich tu ich doch nur so. Wie kann es eigentlich sein, dass die das noch nicht bemerkt haben? Früher oder später werden sie es herausfinden, ganz bestimmt!“

Hast du auch schon einmal solche oder ähnliche Gedanken gehabt?

 

Dass du…

… nicht wirklich weißt wovon du redest
… gar nicht so kompetent oder intelligent bist, wie andere denken
… die Dinge bei weitem nicht so gut geregelt kriegst, wie es nach außen scheint
… einfach nur Glück gehabt hast bisher

 

Und du hast Angst, dass dein “wahres Ich” ans Licht kommt? Weil es – so denkst du – längst überfällig ist, dass die anderen endlich bemerken, dass du eigentlich eine Mogelpackung bist.

Und das, obwohl du eigentlich schon einiges erreicht hast und du immer wieder positives Feedback von anderen bekommst.

Hallo, liebe*r Impostor- Kolleg*in! I feel you!

 

Was ist das Impostor-Phänomen?

Zunächst einmal: das englische Wort impostor bedeutet Hochstapler*in, Betrüger*in oder Schwindler*in. Im Deutschen spricht man daher neben dem Impostor-Phänomen oder Imposterismus auch häufiger vom Hochstapler-Phänomen. Häufig wird auch der Begriff Impostor-Syndrom verwendet. Da es sich aber nicht um ein klassifiziertes Syndrom – also nicht um ein Krankheitsbild – handelt, ist der Begriff Impostor-Phänomen wissenschaftlich betrachtet passender.

Das psychologische Phänomen wurde im Jahr 1978 zuerst von den Psychologinnen Rose Clance und Suzanne Imes beschrieben, die in der Beratungsstelle der Georgia State University arbeiteten. Sie bemerkten, dass viele der äußerst erfolgreichen Studentinnen und Fakultätsmitarbeiterinnen, die ihre Beratung in Anspruch nahmen, unter großen Zweifeln bezüglich ihrer Qualifikationen litten. Sie zweifelten, ob ihre Leistungen und Fähigkeiten gut genug waren und konnten ihre eigenen Erfolge nur schwer anerkennen. Sie glaubten, dass sie diese unrechtmäßig bekommen oder sie sich sogar irgendwie auf betrügerische Weise erschlichen haben. Sie hatten Angst, jeden Moment überführt zu werden.

 

Generell empfinden Menschen, die vom Impostor-Phänomen betroffen sind, starke Selbstzweifel bezüglich ihrer Leistung in einer oder mehreren Rollen in ihrem Leben. Sie sind überzeugt davon, nicht genug zu können, nicht genug zu wissen – nicht gut genug zu sein. Trotz positivem Feedback von anderen und trotz eindeutiger Erfolge bzw. angemessenem oder sogar für Außenstehende beeindruckendem Handeln in der jeweiligen betroffenen Rolle, in der diese Impostor-Erfahrungen auftreten. Weil Betroffene glauben, nicht gut genug zu sein, sind sie auch überzeugt, dass sie Lob und Erfolge nicht durch ihre eigenen Fähigkeiten verdient haben, sondern diese vielmehr nur durch Glück, Zufall oder Wohlwollen anderer eingetreten sind. Sie glauben, ihre Mitmenschen zu täuschen und von ihnen überschätzt zu werden. Und dazu kommt noch die Angst davor, dass jemand ihr Geheimnis herausfindet. Dass das das “wahre, unfähige Ich” hinter der erfolgreichen und kompetenten Fassade entdeckt wird. Show vorbei, das war’s dann.

 

Wen betrifft das Impostor-Phänomen?

Clance und Imes dachten zunächst, das Impostor-Phänomen spiele vor allem bei Frauen eine Rolle, da gesellschaftliche Vorurteile dazu führen, dass sich Frauen häufig für weniger kompetent in verschiedenen Bereichen halten (z.B. Wissenschaft oder Führung). Jedoch scheinen Frauen und Männer ähnlich häufig Impostor-Erfahrungen zu machen. Bedrohungen durch Stereotype verschärfen die Problematik jedoch häufig für Personen, die besonders von gesellschaftlichen Vorurteilen betroffen sind (u.a. auch PoC) zusätzlich. Zu den eigenen Sorgen, nicht die erforderlichen Fähigkeiten zu haben, kommt nämlich noch eine tatsächliche (offene oder verdeckte) Message über vermeintliche nicht vorhandene Fähigkeiten bzw. Diskriminierung dazu. Generell wird davon ausgegangen, dass etwa 70% aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben Impostor-Erfahrungen verspüren. Und wahrscheinlich kommt darauf nochmal eine hohe Dunkelziffer.

 

Ganz wichtig ist nochmal zu betonen, dass es sich hier nicht um Menschen handelt, die tatsächlich ihr Wissen und Können überschätzen, nicht an ihren Fähigkeiten zweifeln und so nach außen Kompetenz vorspielen (Dunning-Kruger-Effekt). “Impostors” UNTERschätzen ihre Kompetenz und sorgen sich darüber, nicht genug zu können. Menschen, die vom Impostor-Phänomen oder Hochstapler-Phänomen betroffen sind, haben objektiv etwas erreicht. Sie sind erfolgreich, bekommen gute Leistungsbewertungen, haben anspruchsvolle Aufgaben und machen einen guten Job. Dennoch holen sie immer wieder Selbstzweifel ein. Sie zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Weil sie jedoch von anderen durchaus als kompetent wahrgenommen werden, aber ihre innere Erfahrung damit nicht zusammenpasst, fühlen sich Betroffene wie Betrüger*innen – wie „Impostors“. Als hätten sie eine kompetente Maske aufgesetzt und würden falsche Tatsachen vortäuschen. Sie glauben, eigene Erfolge nicht verdient zu haben. Denn innerlich, hinter der Maske, fühlen sie sich, als könnten sie eigentlich nichts. Es besteht also ein Widerspruch zwischen dem, was diese Menschen von außen betrachtet leisten und ihren innerlichen Versagensgefühlen.

 

Was löst Impostor-Erfahrungen aus?

Es gibt viele verschiedene Situationen, die Impostor-Erfahrungen auslösen können. Diese sind von Person zu Person verschieden und können sich im Laufe der Zeit verändern. Häufig führen gerade Umbruchsituationen bzw. neue Lebensabschnitte mit veränderten Ansprüchen an die jeweilige Person zu vermehrten Unsicherheiten bezüglich des eigenen Könnens. Beruflich können dies z.B. eine neue (Führungs-)Position, neue Arbeitsaufgaben oder der Sprung in die Selbstständigkeit sein. Aber auch Teammeetings, Supervisionsstunden oder das Halten von Vorträgen können typische “Gefahrensituationen” sein. Neben dem Beruf wird das Phänomen auch in anderen Bereichen beobachtet, z.B. im Studium, in der Partnerschaft, in Freundschaften und im Bereich Elternschaft.

Sogar das Erwachsensein an sich kann Impostor-Erfahrungen hervorrufen. Betroffene sind dann überzeugt, die Dinge nicht so geregelt zu bekommen, wie sie das als Erwachsene sollten. Oder sie glauben eine miserable Führungskraft, ein*e unfähig*e Mitarbeiter*in, ein schlechter Vater/eine schlechte Mutter zu sein oder den*die Partnerin eigentlich gar nicht verdient zu haben. Das Phänomen kann also in vielen typischen Rollen in unserem Leben auftreten, die uns wichtig sind und die meist auch ziemlich anspruchsvoll sind. Und in denen sich “Erfolg” schwer messen und zu 100% “erreichen” lässt. Es gibt also keine klare Antwort auf die Frage: Was bedeutet Erfolg und wann habe ich ihn erreicht? Bei der Erfüllung dieser Rollen ist Unsicherheit demnach durchaus normal. Und sie kann sehr hilfreich sein, wenn wir sie nutzen können, um unser Handeln zu hinterfragen, dazuzulernen und uns weiterzuentwickeln. Aber was unterscheidet dann das Impostor-Phänomen von “üblicher Unsicherheit”?

 

Was ist das eigentliche Problem am Impostor-Phänomen?

Es geht primär eher weniger darum, ob wir uns ängstlich und unsicher fühlen und welche Gedanken in unserem Kopf auftauchen. Es geht vielmehr um unsere Bewertung dieser Gefühle und Gedanken und es geht darum, wie wir mit ihnen umgehen und was wir tun, wenn sie auftauchen.

 

Ängste, Unsicherheit und Gedanken wie “Schaffe ich das denn?” sind zunächst einmal normale menschliche Reaktionen, wenn wir vor Herausforderungen stehen. Wer unter dem Impostor-Phänomen leidet, interpretiert genau diese Erfahrungen jedoch als Zeichen tatsächlicher eigener Unfähigkeit. So erwächst aus völlig normalen Gedanken stetig die Überzeugung, tatsächlich gar nicht gut genug zu sein, nach dem Motto: “Wenn ich kompetent wäre, würde ich mich nicht so unsicher fühlen und hätte solche Gedanken gar nicht.” Solche Bewertungsprozesse spielen auch eine große Rolle beim Rückblick auf all das, was Betroffene bisher in ihrem Leben geleistet haben. Auch zurückliegende Erfolge werden aufgrund der Selbstzweifel verzerrt betrachtet. Was auch immer sie schon erreicht haben: es ist eigentlich unverdient – nicht durch die eigenen Fähigkeiten, sondern nur mit viel Glück passiert oder war “nicht der Rede wert” und obendrein auch “nicht gut genug”. Häufig wird das Erreichte also auch heruntergespielt oder überhaupt nicht als solches wahrgenommen.

 

Aufgrund der Einschätzung, dass das Erreichte bzw. das, was die Person rein objektiv gut macht, nicht aus dem eigenen Können heraus geschafft wird, sondern nur aufgrund von Glück, Zufall oder Wohlwollen anderer geschieht, wächst das Gefühl, eine Maske zu tragen. Etwas vorzuspielen, was man nicht ist. Damit einher geht die Angst davor, dass “der ganze Schwindel” auffliegt! Es entsteht zudem ein Spannungsfeld zwischen der negativen Eigenwahrnehmung und der positiven Fremdwahrnehmung. Er*sie nimmt vor allem sein*ihr inneres Erleben wahr – also all die Zweifel, Unsicherheiten, Ängste und die verzerrten Bewertungen des eigenen Könnens. Von anderen wird er*sie durchaus als kompetent wahrgenommen und bekommt Lob und Anerkennung für sein*ihr Handeln und Erfolge. Und diese Spannung wird dadurch gelöst, dass er*sie zur Einschätzung kommt, andere zu täuschen und von ihnen überschätzt zu werden. Für die betroffene Person ist die Sache klar: “Ich bin unsicher und deshalb überzeugt, dass ich unfähig sein muss. Ich habe meine Erfolge gar nicht verdient. Die anderen merken das bloß nicht und überschätzen mich. Wenn sie die Wahrheit über mich erfahren, schießen sie mich in den Wind.” Der*die vermeintliche*r Hochstapler*in lebt also gefühlt in der ständigen Gefahr, als unfähig entlarvt und bloßgestellt zu werden.

 

Bewältigungsmechanismen und deren Folgen

Auffliegen, kritisiert und bloßgestellt werden, vielleicht andere enttäuschen, schließlich doch versagen… also dem gefürchteten Bild von sich selbst als schlechte Chefin, schlechter Angestellter, schlechte/r Vater/Mutter, schlechte*r Partner*in etc. in aller Öffentlichkeit für alle sichtbar zu entsprechen und so die Bestätigung zu bekommen, dass man tatsächlich die ganze Zeit ein*e Hochstapler*in gewesen ist. Um diese gefürchteten Konsequenzen zu verhindern, versuchen Betroffene verständlicherweise so einiges.

 

Im Laufe der Zeit eignen sie sich bestimmte Bewältigungsstrategien an. Typischerweise kann man diese in zwei Kategorien zusammenfassen: Overdoing und Underdoing.

 

  • Overdoing kann bedeuten, besonders hart und viel zu arbeiten, um das vermeintliche Fehlen an Können auszugleichen. Oft haben Betroffene einen perfektionistischen Anspruch an sich mit wenig bis keiner Fehlertoleranz.
  • Underdoing kann bedeuten, Situationen aus dem Weg zu gehen, die die eigene vermeintliche Unfähigkeit offenlegen könnten. Häufig werden Aufgaben aufgeschoben (Prokrastination) und wichtige Dinge nicht angegangen.

 

Das Problem an diesen Bewältigungsstrategien ist, dass diese die Impostor-Erfahrungen langfristig aufrechterhalten und sogar verstärken können. Wird eine Aufgabe durch Overdoing bewältigt, kommt die Person zu dem Schluss, schließlich nur durch eine gewaltige Kraftanstrengung den Ansprüchen nach außen genügt zu haben, nicht durch eigenes Können. Beim Underdoing wird der Erfolg häufig auf Zufall oder Glück zurückgeführt. Erfolge werden in beiden Fällen nicht internalisiert, also nicht dem eigenen Können zugeschrieben und nicht als wirklich selbstgemacht verbucht.

 

Beide Formen der Bewältigung kosten Betroffene außerdem einen hohen (psychischen) Energieaufwand und können zu langfristigem Stresserleben führen, was sich negativ auf Psyche und Körper auswirken kann. Andere Lebensbereiche kommen aufgrund der vielen Zeit, die mit ineffektiven Bewältigungsstrategien verbracht wird, häufig zu kurz (Freizeit, Familie, Erholung, etc.). Es kann sein, dass sie auch im beruflichen Bereich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. In einigen Fällen verlieren sie den Fokus zunehmend – weg von einer selbstbestimmten Lebensgestaltung hin zum Gedankenkreisen und der Flucht vor Unsicherheit und Angst. Daraus kann langfristig ein größeres psychisches Ungleichgewicht entstehen.

 

 

Ich hoffe du konntest heute schon ein paar Informationen mitnehmen aus meinem ersten Blogartikel zum Thema Impostor-Phänomen. Ich freue mich, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt, meinen Beitrag teilst oder mir weitere Fragen stellst, die ich gerne aufgreife.

Mehr über das Impostor-Phänomen, Bewältigungsmechanismen und deren Folgen sowie Ansätze zur Veränderung erfährst du in den nächsten Wochen auf meinem Blog. Folge mir auch gerne auf Instagram @act.makia, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Übrigens: Auch wenn mein persönlicher innerer Impostor mir sagt, dass ich den Beitrag SO noch auf keinen Fall veröffentlichen kann, fühl ich mich mal so frei und tu es trotzdem 🙂

 

Liebe Grüße

 

 

Quellen:

Clance, P. & Imes, S.: The Imposter Phenomenon in High Achieving Women: Dynamics and Therapeutic Intervention, in: Psychotherapy Theory, Research and Practice, Bd.15, Nr. 3, Herbst 1978. Online abrufbar unter: http://www.paulineroseclance.com/pdf/ip_high_achieving_women.pdf

Magnet, Sabine: Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht gut genug zu sein. München, 2018

Orbé-Austin, L. & Orbé-Austin, R.: Own your greatness – Overcome impostor syndrome, beat self-doubt, and succeed in life. Berkeley, 2020